Liebesgedichte

Du, die es nicht mehr gibt

Komm zum Waldmeister, komm dahin, wo
hinter der Böschung die Biegung sich wälzt
das Wasser unsere Namen fließt ineinander
ich trage dich auf Händen, so viel Kraft
steckt noch in meinen Armen und meinen
Lenden für dich bin ich nackt im Schwarm
der Nachtmücken ach komm doch wieder
sei auch du nackt auf dem Weg aus
Laub und Moos und Sand
komm doch und schrei wie damals und
lass nicht ab von mir ich lass nicht
ab von dir und spüre noch deine Finger
im Fleisch du bist wie die
Spur des Wassers die einen Canyon
tief in das Herz des Felsens schnitt

Im Meer ohne Insel

Der Schnee soll schmelzen und
die Weide knospen
Die Schwalbe wird den Spruch
an den Himmel schreiben
Wir kommen nicht zurück

Schweißnasse Hände werden nach
der Mohnblume greifen
Der Falke wird zahm werden
von den Lippen fressen
Wir kommen nicht zurück

An einem Bahnhof wird jemand
das Zeichen winken
Die Schiffe werden reisen
zu den fernen Planeten
Wir kommen nicht zurück

Flut wird sein und Ebbe wird sein
Die See wird die Muschel zurückspülen
An einem Freitag wird jemand
gehen und Fußspuren finden
Aber wir kommen nicht zurück

Du spielst niemals dasselbe Lied
Und doch scheint alles gleich
Bewegt die Welt sich oder wir?
Diogenes mit speckigen Klamotten hält Dir die
Laterna Magica vor die Nase und sagt:
Haste mal `n Euro?
Du greifst in die Tasche, aber er ist schon weg
Er kommt nicht zurück

Was für eine Einbildung, dass Leben einen Sinn haben müsste
Wie groß von uns Wie überheblich
Vorstellen, dass wir seien: wir, Gottes einsamste Grille

Wir kommen nicht zurück

Dreifacher Sommer

1.

Ein verwilderter Garten
hohe Brennnesseln
ausgeblichene Kirschkerne
ein buntes Fahrrad
meine Augen
zusammen gekniffen
vor der Sonne
deinem Kirschmundlachen
die weiße Strähne
beinahe eine Berührung

2.

Mit deinem Kuss bin ich ein
Dichter Hallo sagen die Leute
im Zug Sind Sie ein Dichter?
Woran sehen Sie das?
Sie haben einen Kuss
auf den Lippen
Oh ja? Ich vergesse meine Fahrkarte
und zeige dem Schaffner dein
Tatoo er sagt Verstehe
käme ein Schaffner
So zieht vorbei hinter
dem Fenster Stadt und Wald
und ich lese in einem Buch
das schön ist fühle dich
noch selbst nach dem Duschen
und einer Tasse Kaffee
staune über die Menschen

3.

Die Entengrütze hob den aufgedunsenen
Leib der Brasse kieloben ans Licht
Jammern Sie nicht mein Freund,
sprach der Fisch: In der Wüste ist die Luft
so trocken, dass die Schmetterlinge
nicht aus ihren Kokons schlüpfen können
Sie bleiben für ewig verschlossen
ihre Träume verdorrt

Ich jammerte nicht –
breitete meine Flügel und gab
Deinen Kuss weiter

Snorre Björkson