Coronamärz – Mein poetisches Tagebuch solange es geht …

Die glückliche Zeit vor dem Atomkrieg

Glücklich war die Zeit vor dem Atomkrieg
Der Rest war berechnet: Acht Minuten –
Dies war genug Zeit, um noch einmal
„Hey Jude“ zu hören, „Stairway To Heaven“
oder „Bridge Over Troubled Water“
Da blieb sogar noch etwas über für
einen Kaffee einen Tee oder eine Minute
um ein Kind zu zeugen, das dann in einem
Keller aufwachsen würde wie in einem
Buch von Gudrun Pausewang sie hatte
unsere Köpfe mit Ängsten verstopft, aber
wir sahen doch auch: Panzer fuhren
durch Kleinstädte, wir hörten Sirenen
heulten zur Übung

Was für ein Glück war Dinkelbrei
und Hanftee und handgestrickte
Socken und im Regen tanzen
wir fühlten uns wie in Woodstock
und waren nur in der Heide
No Future und trotzdem hatten
ein paar von uns Bausparverträge
Nur ich war so dumm und glaubte
an den baldigen Untergang spätestens
als Kerstin sagte: Schau, die Tanne
hat schon Angsttriebe …

Glücklich war die Zeit vor dem Atomkrieg
Zu Ostern grüßten wir den
Kaffefleckglatzenmann: Auch wir wollen Frieden!
Vor allem draußen auf dem Land
Für unsere Schafe und für die
ungeborenen Kinder und wilden
Phantasien von Räuberburgen
auf denen wir mit dem
Sommersprossenmädchen schliefen

… die uns nie erhörte, aber das
würde noch werden, die Zeit war
endlos oder gefroren in acht Minuten

… alles war möglich: Unendlicher Tod
oder unendlicher Frieden …

Jetzt werde ich wach Freunde haben
Häuser gekauft Sirenen und Hubschrauber
steigen in die Luft Sperrzonen rücken
näher die Natur ist auf einmal nicht mehr
die heilige Mutter die uns beschützt

30.03.2020
II

Ich hörte von einem Volk, das keinen Besuch duldet:
Sie bewirten keine fremden Fischer und wollen
keine Händler und keinen Missionar
Sie kennen nicht den Namen „Adolf Hitler“, selbst
von der Atombombe haben sie nichts erfahren
Auch die Trennung der Beatles ging ganz
spurlos an ihnen vorbei niemand weiß,
wie ihre Götter heißen und wie sie ihre Toten
begraben auch haben sie noch nicht das
Wort „Corona“ gehört …
Einmal kam ein Mann, um sie vor der
tödlichen Krankheit zu warnen sein Körper
liegt im salzigen Sand eines einsamen Strandes
Das einzige, was sie hören von der Welt
dort draußen ist seit 60.000 Jahren
das Rauschen der wiederkehrenden Wellen

30.03.2020

Die Sterne nah und klar wie ein
Uhrzeitgewölbe noch raschelt das Mammuthaar
ein dumpfes Dröhnen auf dem Boden
und tiefer ist der Himmel sichtbar beinahe
zum Atmen nahe das Licht
noch kein Name für eine Grippe
keine Nachricht von dem Clan zwei
Täler weiter dort verschwand im Winter
auf wunderbare Weise ein Volk das
dem Wisent geweiht war hier im Nachtfrost
eines tagenden Frühlings ruft uns die
Göttin zu: Habt keine Angst vor dem Tod
Eure Seelen steigen auf und leuchten
für die Kinderkinder der erwachenden
Menschheit so steht es geschrieben
am Himmel, seht selbst …

26.03.2020

Schon kommen in den Träumen
die Vorfahren zu mir und sprechen
milde Worte meine Großmutter
ist wieder bei Verstand und kennt
alle meine Namen auch die, in
die ich gewachsen bin, als sie
schon lange fort war
Sie trägt ihren Dutt wie
eine Erinnerung auf dem Kopf

Mach dich bereit das Nichts
zu begrüßen oder versuch
zu überleben wie viel mehr
Hoffnung wäre, wenn es Geister gäbe

24.03.2020
Coronamärz IX

Ich träumte, dass Amundsens Eskimo zu mir kam.
Man kann auch ohne Erkältung
an Erfrierungen sterben! – so die Weisheit seines
Hundes. Der Husky sprach dies,
bevor er gegessen wurde …

Ich hörte von einem Arzt, der so weiche
Hände hatte, dass ihm Frauen vertrauten
Er heilte Menschen von ihren Ängsten
Waschzwang durch Konfrontationstherapie
Nun bringt er seinen Patienten
das Händewaschen wieder bei

Atme nicht so sehr in meine Richtung
Sei leidenschaftlich!

23.03.2020
(Coronamärz VIII)

Gestern las ich von einem 54-jährigen Volksmusiker,
der überraschend starb – ohne Vorerkrankung,
also auch ohne Warnung
Heute hörte ich, dass Italien über 60jährige nicht
mehr beatmen kann
Vorhin flog eine Kleidermotte von draußen durch
den Flur in Richtung Bad
Die Einschläge kommen näher –
Niemand protestiert

Wir werden unter die Lupe genommen:
Nehmen sie auch das hin?

Wir nehmen es hin und frieren vor Angst

22.03.2020
(Coronamärz VII)

Gestern Nacht flog ich mit wedelnden
Armen und Elbsegler über die Rocky Mountain
High wie ein Adler über Colorado und
besiegte so im Overdubbing der Stahlsaiten
in einer kleinen Dachschrägenkammer
meine Flugangst

Als Kind verstand ich:
He lost a friend, the Captain Memory
und wusste, dass man loslassen muss
und John Denver eigentlich Buddha war

Heute sehe ich auf dem Balkon
im Holz des Geländers einen Riss
von Sonne und Regen gesprengt
die dünne Furche droht zu verbreitern

Dies muss man auswechseln spätestens
in drei Jahren denke ich sonst bricht
noch jemand hindurch und fällt
Habe ich noch Hoffnung oder mich
schon gewöhnt … ?

21.03.2020

Morgen, sagte meine Mutter am Telefon,
kommt noch mal klare Luft aus Schweden,
vielleicht ist das etwas für dich?

Heute ist es kühler schon nachts fror
ich einen Vers von Pär Lagerkvist:
„Ångest är min Arvdel“
Irgendwann riefen Sirenen dann Glocken
Notsignale und Gebete

Die Botin rennt halb schon ins Haus
durch die offene Tür ruft laut
ich verstehe amerikanische Filme und
die Sehnsucht nach einem Gewehr
und einem Keller für 6 Monate

Hätte ich im Winter Gold gekauft und
Schutzmasken hätten alle gelacht
Wie gut deshalb, dass ich
kein Geld für Gold habe …

Ich schleppe meinen Erbteil mit mir
herum sehe wie sich andere bedienen

20.03.2020
Coronamärz V

Freitag, ein Frühling versteckt
in der Windkühle werde wach
wirre Träume: Söder spricht für Deutschland
zum ersten Mal Hoffnung in einem irren Land

Dann in der Dämmerung wieder die
Angstbilder: Militärtransporter die Leichen
fahren durch geschlossene Städte

Einen Krieg kann man beenden, wenn die
Dummheit der Menschen endet

19.03.2020
(Coronamärz IV)

Meinen Spock-Gruß erwidert die Frau mit dem Hund mit
einem lauten Hallo über die Hecke ich halte auf einmal
die Hand über den Kaffeebecher beobachte den Wind
am Zittern des Grases

Wie eine Spieluhr aus Geisterzeit: Czerny Etude in C
und Haydns kleine Sonate durchs Telefon
Dann improvisieren wir Boogie Nutz die Zeit!
sag ich dem Schüler dann ist es wieder still
und das Herz klopft

Coronamärz III
18.03.2020

Die Luft wie kühler Honig die
blaue Blüte drängt
durch den Gitterrost nach oben
der kleine schwarze Vogel
auf dem Schornstein macht
Handysignale – Bezahlt er GEMA?
Wird er bezahlt? – Er wiederholt sich selber
His greatest Hit sein eigener Zuhörer
Wäsche saugt UV-Strahlen
wackelt im Wind im Radio
Zahlen: Vielleich schon im Herbst,
wenn das Jahr nicht zu bürokratisch wird

Am Friedhof knospen die
Blattfingerzweige und so zart
das Weiß der fünffachen Krone

Coronamärz II

Wie ein heißer Sommer Sonnebrand machte und Wasser das aufspritzte und ich hatte Angst vor einer Schnake im Wäschekorb – eine fliegende Spinne! rief ich entsetzt meine Mutter und Jungen fuhren mit Bonanzarädern durch staubige Straßen – cooler als ich mit Stützrädern – auch ich wurde älter hatte Kumpel
rauchte einmal heimlich Stroh trank Tee liebte
vergeblich mehrere Mädchen normal war es die Haare offen
im Licht glänzen zu lassen und sogar Jungen aßen auf dem
Schulhof Erdnussflips von den Lippen was für ein
Reichtum aber wann fing es an, dass wir nicht genug
bekamen? Nicht genug W-Lan und zu wenig Geschlechter und zu wenig Flugtickets über den Teich und zurück und noch eine Meinung zu hopsen und ohne die Aryuveda-Kartoffel habe ich Hautunreinheiten das ist das Scheiß-System, ja da geht noch was, noch mehr, immer mehr,
wann fing es an, dass wir nicht mehr spürten wie intensiv
eine Wolke und der Herzschlag beim Rennen über überwucherte Gleise?

Coronamärz

Dann sortieren, was noch bleibt, wie kostbar Zeit ist: Briefe schreiben, Lieben verzeihen, um Verzeihung bitten, den Sonnenschein begrüßen, da die Rose kommt wieder auch ohne dich, das erste Menuett suchen, das du geschrieben hast – Wo sind jetzt die Noten für Nachfahren? – mit der narzistischen Mutter telefonieren, sie zu Notizen drängeln, vor unvollendeten Romanen sitzen, verzweifeln … Was zuerst? Noch einmal Hardangerfidel spielen, ein paar Songs fertig machen, großzügiger sein, begreifen, wie unwichtig man ist, Kaffee trinken, über die Songs nachdenken – Wer mastert, wenn du fort bist und für wen? – dann im Kreis laufen, Hände waschen, nachts wachwerden, eine Radiogeschichte wird nicht fertig, Freunde antworten nicht, andere tauchen unerwartet auf, Bilanz ziehen, jeden Tag loslassen, begreifen, dass dies für viele das Ende bedeuten wird, Chancen ausrechnen, resignieren, wütend werden, verzweifeln, Klavier üben, jetzt hab ich doch nicht mehr Baskisch gelernt und war auch nie auf Island … dann wie gelähmt aus dem Fenster schauen, in’s Internet, dann Kopfschütteln … dann die Küche aufräumen, eine halbe Schlaftablette nehmen, wachwerden mit dem Licht und der Panik auf der Zunge, sortieren, was bleiben soll, für den Fall …