Coronamärz – Mein poetisches Tagebuch solange es geht …

24.03.2020
Coronamärz IX

Ich träumte, dass Amundsens Eskimo zu mir kam.
Man kann auch ohne Erkältung
an Erfrierungen sterben! – so die Weisheit seines
Hundes. Der Husky sprach dies,
bevor er gegessen wurde …

Ich hörte von einem Arzt, der so weiche
Hände hatte, dass ihm Frauen vertrauten
Er heilte Menschen von ihren Ängsten
Waschzwang durch Konfrontationstherapie
Nun bringt er seinen Patienten
das Händewaschen wieder bei

Atme nicht so sehr in meine Richtung
Sei leidenschaftlich!

23.03.2020
(Coronamärz VIII)

Gestern las ich von einem 54-jährigen Volksmusiker,
der überraschend starb – ohne Vorerkrankung,
also auch ohne Warnung
Heute hörte ich, dass Italien über 60jährige nicht
mehr beatmen kann
Vorhin flog eine Kleidermotte von draußen durch
den Flur in Richtung Bad
Die Einschläge kommen näher –
Niemand protestiert

Wir werden unter die Lupe genommen:
Nehmen sie auch das hin?

Wir nehmen es hin und frieren vor Angst

22.03.2020
(Coronamärz VII)

Gestern Nacht flog ich mit wedelnden
Armen und Elbsegler über die Rocky Mountain
High wie ein Adler über Colorado und
besiegte so im Overdubbing der Stahlsaiten
in einer kleinen Dachschrägenkammer
meine Flugangst

Als Kind verstand ich:
He lost a friend, the Captain Memory
und wusste, dass man loslassen muss
und John Denver eigentlich Buddha war

Heute sehe ich auf dem Balkon
im Holz des Geländers einen Riss
von Sonne und Regen gesprengt
die dünne Furche droht zu verbreitern

Dies muss man auswechseln spätestens
in drei Jahren denke ich sonst bricht
noch jemand hindurch und fällt
Habe ich noch Hoffnung oder mich
schon gewöhnt … ?

21.03.2020

Morgen, sagte meine Mutter am Telefon,
kommt noch mal klare Luft aus Schweden,
vielleicht ist das etwas für dich?

Heute ist es kühler schon nachts fror
ich einen Vers von Pär Lagerkvist:
„Ångest är min Arvdel“
Irgendwann riefen Sirenen dann Glocken
Notsignale und Gebete

Die Botin rennt halb schon ins Haus
durch die offene Tür ruft laut
ich verstehe amerikanische Filme und
die Sehnsucht nach einem Gewehr
und einem Keller für 6 Monate

Hätte ich im Winter Gold gekauft und
Schutzmasken hätten alle gelacht
Wie gut deshalb, dass ich
kein Geld für Gold habe …

Ich schleppe meinen Erbteil mit mir
herum sehe wie sich andere bedienen

20.03.2020
Coronamärz V

Freitag, ein Frühling versteckt
in der Windkühle werde wach
wirre Träume: Söder spricht für Deutschland
zum ersten Mal Hoffnung in einem irren Land

Dann in der Dämmerung wieder die
Angstbilder: Militärtransporter die Leichen
fahren durch geschlossene Städte

Einen Krieg kann man beenden, wenn die
Dummheit der Menschen endet

19.03.2020
(Coronamärz IV)

Meinen Spock-Gruß erwidert die Frau mit dem Hund mit
einem lauten Hallo über die Hecke ich halte auf einmal
die Hand über den Kaffeebecher beobachte den Wind
am Zittern des Grases

Wie eine Spieluhr aus Geisterzeit: Czerny Etude in C
und Haydns kleine Sonate durchs Telefon
Dann improvisieren wir Boogie Nutz die Zeit!
sag ich dem Schüler dann ist es wieder still
und das Herz klopft

Coronamärz III
18.03.2020

Die Luft wie kühler Honig die
blaue Blüte drängt
durch den Gitterrost nach oben
der kleine schwarze Vogel
auf dem Schornstein macht
Handysignale – Bezahlt er GEMA?
Wird er bezahlt? – Er wiederholt sich selber
His greatest Hit sein eigener Zuhörer
Wäsche saugt UV-Strahlen
wackelt im Wind im Radio
Zahlen: Vielleich schon im Herbst,
wenn das Jahr nicht zu bürokratisch wird

Am Friedhof knospen die
Blattfingerzweige und so zart
das Weiß der fünffachen Krone

Coronamärz II

Wie ein heißer Sommer Sonnebrand machte und Wasser das aufspritzte und ich hatte Angst vor einer Schnake im Wäschekorb – eine fliegende Spinne! rief ich entsetzt meine Mutter und Jungen fuhren mit Bonanzarädern durch staubige Straßen – cooler als ich mit Stützrädern – auch ich wurde älter hatte Kumpel
rauchte einmal heimlich Stroh trank Tee liebte
vergeblich mehrere Mädchen normal war es die Haare offen
im Licht glänzen zu lassen und sogar Jungen aßen auf dem
Schulhof Erdnussflips von den Lippen was für ein
Reichtum aber wann fing es an, dass wir nicht genug
bekamen? Nicht genug W-Lan und zu wenig Geschlechter und zu wenig Flugtickets über den Teich und zurück und noch eine Meinung zu hopsen und ohne die Aryuveda-Kartoffel habe ich Hautunreinheiten das ist das Scheiß-System, ja da geht noch was, noch mehr, immer mehr,
wann fing es an, dass wir nicht mehr spürten wie intensiv
eine Wolke und der Herzschlag beim Rennen über überwucherte Gleise?

Coronamärz

Dann sortieren, was noch bleibt, wie kostbar Zeit ist: Briefe schreiben, Lieben verzeihen, um Verzeihung bitten, den Sonnenschein begrüßen, da die Rose kommt wieder auch ohne dich, das erste Menuett suchen, das du geschrieben hast – Wo sind jetzt die Noten für Nachfahren? – mit der narzistischen Mutter telefonieren, sie zu Notizen drängeln, vor unvollendeten Romanen sitzen, verzweifeln … Was zuerst? Noch einmal Hardangerfidel spielen, ein paar Songs fertig machen, großzügiger sein, begreifen, wie unwichtig man ist, Kaffee trinken, über die Songs nachdenken – Wer mastert, wenn du fort bist und für wen? – dann im Kreis laufen, Hände waschen, nachts wachwerden, eine Radiogeschichte wird nicht fertig, Freunde antworten nicht, andere tauchen unerwartet auf, Bilanz ziehen, jeden Tag loslassen, begreifen, dass dies für viele das Ende bedeuten wird, Chancen ausrechnen, resignieren, wütend werden, verzweifeln, Klavier üben, jetzt hab ich doch nicht mehr Baskisch gelernt und war auch nie auf Island … dann wie gelähmt aus dem Fenster schauen, in’s Internet, dann Kopfschütteln … dann die Küche aufräumen, eine halbe Schlaftablette nehmen, wachwerden mit dem Licht und der Panik auf der Zunge, sortieren, was bleiben soll, für den Fall …